Am Boden

Wolfgang und der Literaturpreis Ruhr
für Wolfgang Welt

Ich, Nobelpreisträger

In München mit Denis Johnson
Ich will davon erzählen, wie ich Denis Johnson traf. In München war das gewesen, irgendwann letzten Frühling. München war der Ort seiner Geburt, deswegen zog es ihn jetzt, kurz vor seinem Tod, wieder dorthin. Dass er bald sterben werde, war das Erste, was er mir sagte. Ich war sprachlos, dann sagte ich: „Aber wieso, Denis, das ist doch viel zu früh.“ Er hob kurz die Schultern, ließ sie wieder fallen, als wäre das Thema damit durch. Als lohne es nicht, mehr darüber zu sagen.
Ich solle ihm München zeigen, sagte er.
Da hatte er nun ausgerechnet mich erwischt. Von München hatte ich keine Ahnung. Ich war selbst eben erst in München angekommen und wusste nicht, wohin. Ob es eine bestimmte Adresse gebe, zu der er möchte, fragte ich ihn. Den Weg dorthin könnte ich für ihn rausfinden. Denis verneinte.
„Dann zu irgendeiner Sehenswürdigkeit?“
Da der Englische Garten das Einzige war, wovon ich mal gehört hatte, fragte ich ihn, ob er vielleicht dorthin wolle, in den Englischen Garten.
„Nein“, sagte er und zeigte auf eine bayrische Bierstube.
Mir gefiel sein Vorschlag. Wir traten ein.
Der Raum sah aus, als wäre dem Innenarchitekten irgendwann das Holz ausgegangen. Das Mobiliar war aus Holz, der Boden war aus Holz und die Wände waren mit Holz vertäfelt, aber nur bis zur Hälfte. Die obere Hälfte war weiß verputzt. Auch die Decke war weiß. Wir bestellten Bier.
Ein amerikanischer GI habe ihn hier in München gezeugt, sagte Denis. Kurz nach dem Krieg sei das gewesen.
Ich sagte, darauf dürfe er sich nichts einbilden, so etwas sei hier häufiger vorgekommen.
Er sagte, er bilde sich nichts darauf ein, sondern wollte es nur erwähnt haben.
Das Bier kam. Angesichts der riesigen Biergläser, die jetzt vor uns standen, konnte ich es mir nicht verkneifen, Denis Johnson darauf hinzuweisen, dass es eine andere deutsche Stadt gibt, in der das Bier in ganz winzigen Gläsern angeboten wird. Ich wollte, dass er einen Eindruck von den Extremen dieses Landes gewinnt, des Landes, in dem er einst geboren wurde. Denis Johnson schüttelte nur den Kopf. Schnell sagte ich: Prost.
Wir tranken, dann griff ich zur Speisekarte. Hunger habe er nicht, sagte Denis Johnson.
Werden sehen, sagte ich.
Werden sehen.
Es dauerte eine Weile, bis ich das Gesuchte fand. Dann, endlich. Ich legte meinen Finger auf das Wort, zeigte es Denis Johnson. Er solle vorlesen, sagte ich. Denis Johnson las das Wort, auf dem mein Finger lag: „Hasenbraten.“
Ich konnte nicht mehr, lachte, schlug mit der Faust auf den Tisch, schrie: „Hasenbraten!“
Was so witzig sei, wollte er wissen.
Ob er sich nicht erinnere, fragte ich. Hasenbraten? In einer seiner Stories? „Da überfährt jemand mit seinem Wagen einen Hasen, macht eine Vollbremsung und brüllt: Hasenbraten!“*
Ich kriegte mich nicht mehr ein. Die Bedienung trat an unseren Tisch und fragte, ob es zweimal Hasenbraten sein soll. Das machte mich völlig fertig. Ich fiel fast vom Stuhl, weil ich so lachen musste.
Denis Johnson sagte zu der Bedienung, dass er bald sterben müsse. Und da er in München geboren sei, wolle er München nochmal sehen. Jetzt musste auch er lachen.
„Aha. Aber Hasenbraten wollen Sie nicht?“, fragte die Bedienung.
Nein, das sei ein Missverständnis, sagte Denis Johnson. Schnell verzog sie sich.
In einem Korb, der auf dem Tisch stand, steckten Messer, Löffel, Gabeln. Ich nahm ein Messer und hielt es mir mit der Spitze voran vors Auge. In einer anderen Story von Denis Johnson kommt ein Mann in die Notaufnahme, weil ihm ein Messer im Auge steckt. Das gab uns den Rest. Denis Johnson bebte vor Lachen. Ich wieherte so laut, dass sich alle zu uns umdrehten. Hahaha, machten wir. Hahaha.
Schön, wenn man kurz vorm Tod nochmal so lachen darf.
Plötzlich lachte Denis nicht mehr, sagte: „Ohne den Krieg gäbe es mich nicht.“
Thematisch ein ziemlicher Sprung.
Er erzählte jetzt von Afrika, wie schlimm dort die Kriege seien. Was er dort alles gesehen habe. Eben noch gelacht, jetzt hörte ich Details über abgetrennte Ohren. Denis Johnson eben. Als müsste er wiedergutmachen, dass er gelacht hat. Als müsste er dafür büßen, dass er lebt.
Ich fuhr ihm irgendwann mitten in den Vortrag, keine Ahnung bei welchen Gräueln er gerade war, ob in Liberia oder Somalia, und ich sagte etwas, das ich für sehr klug hielt: „Denis, hör mir zu: Es gäbe dich nicht ohne Frieden.“
Weil ich davon überzeugt war, dass nach einem solchen Satz nichts mehr kommen darf, stand ich auf und verließ das Lokal, Opfer meiner Weisheit. Draußen vorm Brauhaus dachte ich, Denis Johnson wird mich bestimmt nicht vergessen. Lange geblieben bin ich in München nicht.
*Denis Johnson: Jesus´ Sohn, Rowohlt Verlag 2006, S.91

Foto: Ilse Ruppert
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